Redemanuskript von Rebecca Sirsch und Marlene Utermann
Wir sind Marlene Utermann und Rebecca Sirsch vom Stadtverbandes der GEW Bochum. Wir freuen uns sehr darüber, etwas von unseren Themen heute beitragen zu können.
Wir als GEW sehen uns auch als Bildungsgewerkschaft. Die Baustellen sind vielfältig.
Antifeministische Radikalisierung nehmen wir in letzter Zeit verstärkt auch bei uns auf der Arbeit wahr. Erzählungen von männlicher Überlegenheit werden von immer jüngeren Schülern übernommen.
Diese Männlichkeitsdarstellungen sind untrennbar mit der systematischen Abwertung vermeintlich unmännlicher Eigenschaften verbunden: Empathie, Solidarität oder Weichheit. Frauen und Mädchen seien dem Mann von Natur aus intellektuell und körperlich unterlegen, ihre Stärke liege in der Reproduktionsarbeit. Auch Jungs, die schwul sind, genderfluide oder durch einen nicht normschönen Körper an den Geschlechterbildern der Manosphere scheitern, sind „berechtigte“ Ziele für Angriffe und Erniedrigung. Besondere Feindbilder sind Feministinnen und queere Menschen, weil sie dem biologistischen, patriarchalen und sozialchauvinistischen Weltbild von Antifeministen widersprechen oder es sogar aktiv bekämpfen.
All dies wird durch eine „sexuell-ökonomischen Hierarchie“ gerechtfertigt. Wir wollen diese Logik mal kurz für die von euch erläutern, die davon noch nichts gehört haben. An der Spitze steht der „Alpha“, darauf folgt der duckmäuserische „Beta“ und so weiter. Der „Alpha“ ist dominant, charismatisch, sexuell und finanziell erfolgreich, körperlich gestählt und attraktiv. Kurz: der geborene Anführer, nach dem sich alle anderen zu richten haben, auch in der – selbstverständlich – heterosexuellen Beziehung.
Das andere erstrebenswerte Männerideal ist der sogenannte Sigma-Mann. Wie ein einsamer Wolf, gehört er aber zu keiner Herde und zieht allein umher. „Sigma-Männer“ inszenieren sich in diesem Ideal als intellektuell überlegene, mysteriöse Einzelgänger. Anders als „Alphas“ sind sie nicht darauf angewiesen, im Mittelpunkt zu stehen und sich in der Anerkennung anderer zu sonnen. In dieser Logik werden so antisoziale Eigenschaften glorifiziert.
Durch unsere Arbeit haben wir ja die Gelegenheit Jugendliche in ihrem Sozialraum zu beobachten. Ich nehme war, dass auch bei den queer gelesenen Gruppen vermehrt auch Jungs mitmachen. Nicht unbedingt, weil sie schwul, queer oder nonbinär sind. Die These bei uns an der Schule ist, dass diese Gruppen auch für Jungs, die keine Alphas oder Sigmas sein möchten, weil der Druck einfach zu hart ist, und sie sich lieber diesen Gruppen anschließen, wo alle etwas rücksichtsvoller und freundlicher miteinander umgehen. Hier ist der Körperkult auch nicht so hart und es ist auch erlaubt, nach der Schule so einfache Wünsche zu haben, wie Erzieher zu werden anstelle von einem Leben mit Tradewife in Dubai, was durch geschickten und instinktiven Aktienhandel erreicht wurde. (Ich übertreibe jetzt mal, um zu veranschaulichen.)
Ein anderes bemerkenswertes Phänomen ist, dass Mädchen in der Regel bessere Noten in ihrem Abschlussprüfungen machen. Mehr als doppelt so viele Jungs oder Männer fallen durch Prüfungen, sowohl im Studium, als auch in der Schule. Dies ist keine Anekdote, sondern sind Zahlen des statistischen Bundesamtes. Es wird mit Sicherheit noch eine große Herausforderung für viele junge Männer, diese Frauen an sich vorbeiziehen zu sehen und die eigenen Verwirklichungschancen nicht erfüllt zu bekommen.
Diese Männlichkeitsbilder gehen Hand in Hand mit dem rechten Kulturkampf in Bildungseinrichtungen.
Dieser Kampf zielt darauf ab, staatliche Vorgaben und Gesetze zu ändern. Die Angriffe richten sich auch gegen die Wissenschaft. Sie fordern unter anderem, die Gelder für Genderforschung zu streichen und wollen Gender Studies an Hochschulen abschaffen. Leider konnten sie schon einige Erfolge verbuchen.
So ist es Behörden, Schulen und Hochschulen in Bayern, Hessen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein mittlerweile untersagt, eine gendergerechte Sprache mit Sternchen oder Doppelpunkt zu verwenden. In Hessen arbeiten im Bildungsministerium 5 Vollzeitstellen daran, sprachliche Verstöße in Bildungseinrichtungen aufzuspüren.
Wir sehen also Antifeminismus wirkt.
Auch der Mythos Neutralitätsgebot taucht immer wieder auf. Neutralität im Bildungsbereich bedeutet, den Lernenden neutral gegenüber zu treten. Es bedeutet nicht, demokratiefeindliche Haltungen, zu denen auch Antifeminismus gehört, zu ignorieren bzw. zu akzeptieren, sondern sie als diese zu benennen und ihnen entgegenzutreten.
Rechte Erzählungen wirken.
Darum müssen wir in unserer besonderen Verantwortung im Bildungsbereich dieser Entwicklung entgegenwirken.
Nicht nur für die Mädchen und diejenigen, die noch nicht wissen, was sie sein möchten, sondern auch für die Jungs, die dem Druck entgehen wollen und einfach freundliche und zugewandte Menschen werden möchten.
Glücklicherweise haben wir auch eine Idee davon, was getan werden muss:
- Wir brauchen Bildungseinrichtungen, in denen nicht nur Mathe, Deutsch und Englisch gelernt wird.
- Wir brauchen Bildungseinrichtungen, die ein Ort sind, an dem wir lernen können, wie ein gutes gesellschaftliches Miteinander gelebt werden kann. Dazu braucht es eine politische Bereitschaft.
- Wir brauchen genug Lehrkräfte, die nicht nur den Unterricht sicherstellen, sondern auch genug Zeit haben, ansprechbar zu sein, wenn die Schüler:innen Baustellen außerhalb von Unterricht haben. Wenn es um die Familie geht oder um das soziale Miteinander in der Klasse.
- Wir brauchen mehr Menschen, mit unterschiedlichen Professionen in der Schule wie Pädagog:innen, Psychiolog:innen und Sozialarbeiter:innen. Wir brauchen Begegnungsorte an der Schule, wo wir gemeinsam essen können, gemeinsam Erlebnisse teilen, ob in der Sport oder Handarbeits AG. Wir brauchen an den Schulen Raum und Zeit unsere demokratischen und gendergerechten Werte nicht nur zu unterrichten, sondern auch zu leben.
Wir vom Stadtverband Bochum arbeiten aktiv an diesen Themen, wer sich von euch informieren möchte oder mitmachen möchte, ist herzlich eingeladen.
Wir brauchen eure Solidarität, damit der Kulturkampf von rechts uns nicht einholt.

