Auch wir verteidigen jeden Tag unsere Demokratie. Rechte Parteien und Ideologien versuchen schon lange in unserem Arbeitsbereich Fuß zu fassen. Dabei sind antifeministische Haltungen, Erziehung zur Männlichkeit und ein reaktionäres Familienbild nur ein Teil des Versuchs einer Diskursverschiebung nach rechts. Rassistische Positionen, eine völkische Ideologie und antidemokratische Positionen werden als vermeintlich neutrale Meinungen aufgetan.
Aus dem rechten Lager werden immer wieder Kolleg:innen von uns angegriffen und eingefordert, wir sollen uns politisch neutral verhalten.
Sorry, hier müssen wir es noch mal erklären: Wenn es um die grundlegenden Eckpfeiler unserer Gesellschaft geht, sind wir nicht neutral. Eine freie Gesellschaft, gleiche Rechte für Alle und eine solidarische Gesellschaft sind nicht verhandelbar, sondern der Kompass, der uns leitet.
Unsere Aufgabe ist es, nicht nur antidemokratische Parteien und Gruppen zu demaskieren. Darum werden wir weiter in Schule und Universitäten darüber sprechen, was Demokratie ist und wie mitgemacht werden kann. Schule ist mehr, als Mathe, Deutsch und Englisch für den Arbeitsmarkt zu lernen. Dafür brauchen wir allerdings auch die Rückendeckung aus den politischen Institutionen.
Darum setzen wir uns als GEW besonders für eine gerechte und gute Bildung für Alle ein. Denn wer weiß, wie die Welt funktioniert, kann auch bei ihrer Gestaltung mitmachen.
Doch diese zentrale Säule der Demokratie bröckelt. Personalmangel, Kettenverträge und vor allem fehlende Ausstattung lassen unsere Schulen, unsere Universitäten manchmal aussehen, wie Orte in einem Krisengebiet.
Gute Lernbedingungen und gute Arbeitsbedingungen hängen direkt miteinander zusammen.
Einen der letzten Ringkämpfe haben wir als GEW gemeinsam mit Verdi an den Hochschulen gekämpft. Es gab zwar einige Erfolge, aber es sind doch nicht alle Ziele erreicht. Wir Gewerkschaften drängen zum Beispiel weiterhin auf verbindliche tarifliche Regelungen für studentische Beschäftigte. Sie leisten einen unverzichtbaren Beitrag zu Lehre, Forschung und Verwaltung, arbeiten jedoch häufig unter prekären Bedingungen: befristete Verträge, unsichere Arbeitszeiten und eine Bezahlung, die kaum zum Leben reicht.
Gute Lehre und Forschung, gute Arbeits- und Studienbedingungen für alle sind kein Luxus, sondern Grundlage für eine demokratische und zukunftsfähige Gesellschaft!
Es war toll, dass wir an der Stelle gemeinsam mit unsrer Schwestergewerkschaft Verdi so entschlossen auftreten konnten. Es war zu spüren, dass Zusammenhalt mehr Kraft gibt, als Konkurrenz.
„Der Sozialstaat ist kein Kostenfaktor, sondern Grundlage für Stabilität und Solidarität“ haben wir von Claudia gehört.
Ich möchte euch ein paar Beispiele aus meinen Alltag erzählen, damit klar wird, wie eng Sozialstaatliche Unterstützung mit der Institution Schule verknüpft ist. Ich arbeite an einer Gesamtschule im Ruhrgebiet, wie es viele gibt. Außer den Namen habe ich mir kein Detail ausgedacht:
Mona ist in der 10. Klasse. Leider kommt sie sehr selten zum Unterricht, denn sie hat zwei Geschwister mit Beeinträchtigung und ihre Eltern sprechen kein Deutsch. Sie übernimmt für Ihre Familie einen Großteil der Organisation, vor allem für ihre beiden Geschwister. Hilfe und Rat holt sie sich manchmal von der sonderpädagogischen Fachkraft bei uns an der Schule. Eigentlich sollte diese Schülerin im Unterricht sitzen und für ihren Abschluss lernen können, doch die mangelnde Unterstützung ihrer Familie zwingt sie in diese Situation. Wenn die Regierung ihre Pläne umsetzt und die individuelle Betreuung von Kindern mit Beeinträchtigung durch die sogenannten Integrationskräfte, die sowieso viel zu schlecht bezahlt sind, streicht, wird sie noch mehr zu tun haben.
Gestern berichtete mir ein Kollege von einem Schüler in seiner Klasse 8: Der Schüler sei verzweifelt und halte es bei seiner alkoholkranken Mutter nicht mehr aus. Zu seinem Vater könne er nicht, der will ihn auch nicht mehr haben. Auch mein Kollege war verzweifelt: „Wenn das Jugendamt jetzt schon wieder unsere Nummer auf dem Display sieht, gehen sie bestimmt nicht mehr ran.“ Eigentlich müsste der Junge in die Inobhutnahme und die Mutter in eine Therapie. Es gab vor einigen Jahren mal ein Projekt mit dem Namen Supakidz, was diese Kinder unterstützte. Die Projektmittel sind ausgelaufen.
Edwin unterrichte ich ebenfalls in der 10. Klasse. Er hat fast eineinhalb Jahre auf seinen Schulplatz gewartet. Er konnte mit seiner Familie aus der Ukraine fliehen. Er spricht nur russisch und romanes. Fast immer sitzt er im Unterricht. Aber er kann kaum Deutsch. Das bisschen hat er sich auf der Straße beigebracht. Wenn ich versuche mit den anderen 30 Schüler:innen es zu einer unterrichtsähnlichen Situation kommen zu lassen, schaut er mich ängstlich verzweifelt an. Weil wir zu wenige Lehrkräfte an der Schule sind, gibt es keine Sprachvorbereitungsklassen mehr. Was soll aus ihm werden? Und er hat noch Glück, er hat Eltern, es gibt viele Kinder, die allein nach Deutschland gekommen sind. Die Bundesregierung überlegt, ob sie die Betreuung für Jugendliche Geflüchtete ab 16 streichen soll und sie in Erwachsenenunterkünfte unterbringen und sie wie Erwachsene behandeln kann.
Wie bitte sollen diese Schüler:innen fleißig die Englisch-Vokabeln für den nächsten Test lernen.
Hier versagt der Sozialstaat, hier versagt das Bildungssystem. Ich sage euch, das macht uns fertig. Das eine sind die fehlenden Kolleg:innen, die vielen Vertretungsstunden, die fehlende Ausstattung, das schlechte Essen an der Schule, die fehlenden Sozialarbeiter:innen. Aber was uns oft wirklich fertig macht, ist die Ohnmacht über das menschliche Elend, die wachsende Armut, die wir jeden Tag sehen.
Das darf nicht passieren. Wir brauchen eine soziale Infrastruktur, die diesen Problemen begegnet. Wer wirklich will, dass Herkunft nicht über Bildungserfolg entscheidet, muss ungleiche Startbedingungen ausgleichen, nicht einebnen. Die GEW NRW fordert weiterhin: Ungleiches ungleich behandeln!
Gesunde Demokratie, Teilhabe und sozialer Frieden brauchen gute Bildung. Wer Bildungsgerechtigkeit will, muss Bildung als Teil sozialer Infrastruktur verstehen. Aber nicht Bildung im neoliberalen Sinne von Humankapital, sondern als Emanzipation, als Teilhabe. Kinder starten in dieses Bildungssystem mit völlig unterschiedlichen Voraussetzungen – und diese Unterschiede werden im Laufe der Schulzeit oft größer statt kleiner.
Noch immer entscheidet in Deutschland die Herkunft über die Zukunft. Noch immer machen Kinder aus Akademiker:innenfamilien fünfmal häufiger Abitur als Kinder aus Arbeiter:innenfamilien. Das hat nichts mit einem genetischen Defekt zu tun, sondern mit strukturellen Ungerechtigkeiten:
- mit fehlender frühkindlicher Förderung,
- mit Personalmangel in Kitas,
- mit überfüllten Klassen,
- mit Lehrkräftemangel,
- mit fehlender Schulsozialarbeit
- und einer unzureichenden Finanzierung der Schulen in benachteiligten Stadtteilen.
Und mit dem fehlenden politischen Willen, Armut zu bekämpfen. Wenn wir also von Bildungsgerechtigkeit sprechen, dann heißt das: Wir müssen dort mehr investieren, wo die Herausforderungen am größten sind. Wir müssen endlich Ungleiches ungleich behandeln. Und wir müssen Bildung als einen Teil sozialer Infrastruktur begreifen – so selbstverständlich wie Wasser, Strom oder der öffentliche Nahverkehr.
Ein Schritt in die richtige Richtung in Bochum sind die entstandenen Familiengrundschulzentren. Die Idee ist, dass nicht nur die Kinder zur Schule gehen, sondern, dass es Angebote auch für die Eltern und Angehörige geben soll. Dazu gehören Hilfe beim Behördendschungel, Sportangebote, Sprachkurse und vieles mehr. Das kann ein wichtiger Baustein sein, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken und vor allem Vertrauen in den Ort Schule zu gewinnen. Wer gesehen wird, wessen Probleme ernstgenommen werden, kann auch Vertrauen in staatliche Strukturen und unsere Demokratie entwickeln. Darum darf diese Initiative kein einzelnes Projekt sein, das in den nächsten Jahren versandet, sondern muss erweitert und verstetigt werden.
Ich habe euch hier aus unserer Perspektive berichtet, der GEW - der Bildungsgewerkschaft-, aber es gibt noch viele andere Baustellen...
In der Schule fragen meine Schüler:innen oft, wenn es wieder irgendwelche Horrormeldungen gibt: „Frau Sirsch, was passiert denn jetzt, was machen wir denn jetzt?“ Die Antwort muss lauten: „Jetzt nicht die Nerven verlieren. Wir können was tun und zwar in unserem unmittelbaren sozialen Umfeld.“ Darauf können wir Einfluss nehmen, das heißt an unserem Arbeitsplatz, wir können uns mit unserer Gewerkschaft für bessere Arbeitsbedingungen, bessere Löhne einsetzen. Wir können uns in unserer Nachbarschaft für gutes Wohnen, ein lebenswertes Viertel einsetzen. Leute, die neu in Bochum sind, in unseren Tischtennisverein einladen. So können wir eine Gemeinschaft schaffen, die ein gutes Leben für Alle fordern und erkämpfen kann, dazu gehören nicht nur unsere Bildungseinrichtungen, sondern auch alle anderen Teile einer öffentlichen Infrastruktur.
Der erste Mai ist ein Termin an dem wir aus unseren unterschiedlichen Branchen, aus unterschiedlichen Stadtteilen zusammenkommen. Es ist die Gelegenheit uns zu treffen, uns zuzuhören, uns gegenseitig Kraft zu geben. Hier treffen wir die Leistungsträger:innen und damit meine ich die, die unsere Gesellschaft zusammenhalten.
Schaut mal links und rechts von euch, vielleicht erkennt ihr sie. Die Verkäuferin, die jeden Tag um 04.00 Uhr für uns aufsteht, damit wir unsere Brötchen kaufen können, die Busfahrerin der Bogestra, die auch mal nachts an der Ampel hält, um uns auf dem Nachhauseweg raus zu lassen, den USB-Mitarbeiter, der in olympischer Geschwindigkeit die Tonnen zum Müllwagen wuchtet, um möglichst wenig Verkehr aufzuhalten. Solidarität und Anerkennung fängt ganz klein an. Sagt mal tschüss zur Straßenbahnfahrerin, wenn ihr aus der Bahn steigt, wünscht guten Morgen, wenn ihr die Straßenreinigung trefft, sagt danke fürs Aufstehen, wenn ihr euch um 06.30 Uhr ein Brötchen ohne Remoulade bei Schmidtmeier schmieren lasst.
Wenn wir solidarisch und entschlossen bleiben, kriegen wir‘s hin.
Danke fürs Zuhören, wir sehen uns.

