Rückblick auf desaströse Entscheidungen und Ausblick auf 2021

Rückblick auf desaströse Entscheidungen und Ausblick auf 2021

Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

Die GEW Herne hat in einem offenen Brief an Ministerin Gebauer fundiert und ausführlich die Probleme und Versäumnisse bezüglich Corona und notwendige Konsequenzen dargelegt.

Diesem Offenen Brief schließt sich die GEW Bochum an.

 


Herne, den 16.12.2020

Offener Jahresrückblicks – Ausblicks - Brief 2020/21

Sehr geehrte Frau Gebauer,
vermutlich sind wir nicht die einzigen, die in der derzeitigen Situation auf ein sehr besonderes Jahr zurückblicken – und gleichzeitig auch einen Ausblick wagen (müssen) – dies bedingt die Jahreszeit, aber auch die Coronalage.

Seit vielen Wochen und Monaten bereits haben wir alle erdenklichen Wege zu nutzen versucht, um darauf hinzuweisen, dass aus unserer Sicht wesentliche Setzungen der damaligen/derzeitigen Schulpolitik in Zusammenhang mit dem Umgang der Pandemie fatal waren/sind. Sehr gerne hätten wir mit unseren Prognosen Unrecht behalten, leider haben wir es nicht.

Bereits seit Ende April haben wir analysiert, gefordert, kritisiert, angeregt – dass die Maßnahmen der Schulöffnungen seit den Sommerferien weder „(bildungs-)gerecht“ noch pandemiebezogen verantwortbar sind. Spätestens seit den beiden von Ihnen (mit-)vollzogenen Paradigmenwechseln weg vom Schutz jedes einzelnen Lebens zu Beginn der Pandemie hin zu dem Ziel, das „Gesundheitssystem nicht zu überlasten“ sowie Ihrer Abkehr von den Empfehlungen aus der Wissenschaft im Oktober 2020 sind wir nicht müde geworden, darauf hinzuweisen, dass wir als Gesellschaft diese Maßnahmen sehr wahrscheinlich mit einer sehr hohen Zahl an Menschenleben bezahlen werden. Daher haben wir immer und immer wieder gefordert, endlich auf Wissenschaft basierte und an Pandemielagen angepasste Stufenmodelle zu entwickeln, die z.B. auch Wechsel-Modelle des Unterrichts beinhaltet hätten. Wir haben darauf hingewiesen, dass es lange schon derartige Modelle gibt, auch solche, die Ihre Haupt- Gegenkritik der angeblich nicht gegebenen Bildungsgerechtigkeit mit aufgegriffen haben. Ebenso haben wir darauf hingewiesen, dass es dringend Not tut, langfristige Schulabschlussszenarien zu entwickeln, die tiefgreifend mehr sein müssten, als ein „weiter so wie immer“ und „wir halten die Klausuren und Prüfungen aufrecht“.

All unsere Bemühungen wurden nicht ernst genommen. Jetzt sehen wir uns voller Traurigkeit und Entsetzen - und in dem Bewusstsein, dass wir aktiv Teil der Entwicklungen waren – leider bestätigt in all unseren Sorgen und Einschätzungen und eine Gesamtlage, die schrecklich ist:

30.000 Neuinfektionen deutschlandweit an EINEM Tag (Stand 11.12.2020) - bedeuten bei statistisch 2% der "Fälle", die auf Intensivstationen landen, 600 Menschen, die intensivmedizinisch betreut werden müssen - i.d.R. für mehrere Wochen; nach der ersten Metastudie zur Sterblichkeit von Covid19- Patient*innen, die intensivpflichtig wurden vom Juli 2020, betrug die Sterblichkeit 41,6 % (nach Springermedizin online vom 23.7.2020) - da sich die "Fälle" über mehrere Wochen aufsummieren ist vermutlich noch mit deutlich mehr Toten als bisher zu rechnen - Höchstwert am 15.12.2020 waren 952 an oder mit Covid verstorbene Menschen AN EINEM TAG – diese Zahlen werden vermutlich leider noch weiter steigen. Am 16.12.2020 gibt es erste Meldungen über „Triage“ in Deutschen Kliniken.

Neben diesen unfassbaren Zahlen sollen an dieser Stelle die desaströsen Zustände an und in Herner Schulen nur erwähnt werden, die eine Inzidenz von stellenweise 350 und schulintern von bis zu 1420 mit sich brachten. Das, was Sie immer und immer wieder als gelungenen „Präsenzunterricht“ bezeichneten und als großen Erfolg darstellten, war an vielen Stellen aus der Sicht vieler Schülerinnen und Schüler, der Eltern sowie der Lehrerinnen und Lehrer nichts, was dem Begriff „Präsenzunterricht“ auch nur annähernd ähnelt.

Sage niemand, er habe es nicht wissen können, denn wir haben es gewusst – und gesagt!

Immer haben sich seit Mai 2020 unsere Einschätzungen, Mahnungen und Forderungen im Kern auf wissenschaftliche Erkenntnisse gestützt – diese fügen wir als Anhang bei.

Jetzt ist real, was einige ahnten: „Wir werden in ein paar Monaten wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen“ – einander und vielleicht auch uns selbst – wir hoffen, Sie sind sich dessen so bewusst, wie wir uns!

Der Ausblick

Es ist sehr wahrscheinlich davon auszugehen, dass das Pandemiegeschehen zu Beginn des neuen Jahres nicht soweit entspannt sein wird, dass für den Bereich Schule die Ausgangslage wesentlich anders ist als in den zurückliegenden Monaten. Daher fordern wir Sie hiermit erneut inständig und dringend dazu auf, umgehend umzusteuern, also

  • unter Rückkehr zu und der Berücksichtigung von wissenschaftlichen Erkenntnissen und unter dem wieder in den absoluten Vordergrund zu stellenden Primat des Schutzes menschlichen Lebens Stufenmodelle zu entwickeln, die ab einer bestimmten Inzidenz greifen (u.a. mit der Möglichkeit von Wechselunterricht).
  • langfristige Schulabschlussszenarien zu entwickeln, die auch „Stellschrauben“ wie die Zeitschiene, verschiedene Reduktionen von bisherigen (v.a. Inhalts-)Vorgaben und alternative Abschlussprüfungsszenarien in den Blick nehmen.

Wir stehen für jedwede Austausche hierzu gerne zur Verfügung und bitten Sie, im Sinne Ihrer Verantwortung unsere Gedanken zur Kenntnis zu nehmen, tiefgreifend umzudenken und umzusteuern.

Mit freundlichen Grüßen

Carsten Piechnik
Mitglied des Vorstandsvorsitzenden- Teams der GEW- Herne für die GEW- Herne